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27.02.2020

Urheberin: Marion Hugenberg

„Krankenhäuser als Orte von Hilfe und Zusammenhalt“

Marion und Florian Hugenberg berichteten aus Uganda

Viele Operationen infolge von Verbrennungen, Bezahlen von Behandlungen sowie Fehlen von Licht und Strom. Das gehört zum Alltag in Krankenhäusern in Uganda, worüber Florian und Marion Hugenberg auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen in der Gaststätte Lingemann berichteten.

 

Marion Hugenberg ist staatlich examinierte Physiotherapeutin und arbeitet heute am Franziskus Hospital Harderberg. Florian Hugenberg ist Facharzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie und arbeitet heute in der Klinik für Thoraxchirurgie am St. Raphael Krankenhaus Ostercappeln. Bis zu ihrem Einsatz in Uganda waren beide am katholischen Marienhospital in Stuttgart tätig. Von Juli 2014 bis Juni 2015 arbeiteten sie am katholischen Lubaga-Krankenhaus in Ugandas Hauptstadt Kampala.

 

Dieses sei 1899 gegründet worden und damit das älteste katholische und das zweitälteste Krankenhaus überhaupt in Uganda. Es befinde sich direkt neben der „Rubaga-Kathedrale“, dem Sitz des Erzbischofs. Seit vielen Jahren seien Rottenburg-Stuttgart und Kampala Partnerdiözesen. Heute habe das Hospital ca. 300 Betten und wandele sich zu einem der führenden Krankenhäuser in Uganda.

 

2014 habe es allerdings gegolten, sich zuerst auf andere Grundbedingungen einzustellen. „Die Fenster zum OP-Bereich konnten damals noch nicht richtig verschlossen werden und da es häufig Stromausfälle gab, mussten wir uns bei nächtlichen Operationen gelegentlich mit Camping-Lampen auf der Stirn behelfen“, berichtete Florian Hugenberg.

 

Dank des Sindelfinger Vereins „Partnerschaft Gesunde Welt e.V.“ und den internationalen Maltesern gebe es aber mittlerweile eine gute Ausstattung an Labor- und Untersuchungsgeräten, und eine Solaranlage, die den alten Notstrom-Dieselmotor entlasten solle, werde derzeit gebaut.

 

Die Häufigkeit von Verbrennungen resultiere aus offenen Feuern in den Häusern und auf den Märkten. In den meisten Häusern gebe es nach wie vor keinen Stromanschluss, zudem würden regelmäßige Stromausfälle dafür sorgen, dass das Gros der Bevölkerung auf traditionelle Heiz- und Lichtquellen zurückgreife. Gekocht werde in großen Pfannen mit heißem Fett bzw. Wasser, zudem würden häufig kleine Paraffin-Öfen und traditionelle Öllampen genutzt. Diese würden regelmäßig Brände verursachen und häufig von spielenden Kindern umgestoßen, sodass ein wesentlicher Anteil der täglichen Patienten aus kleinen Kindern mit zum Teil schweren und großflächigen Verbrennungen bestehe.

 

Die Bezahlung der Behandlung erfolge zum Großteil aus der eigenen Tasche. Es gebe zwar ein staatliches Gesundheitswesen mit Gesundheitszentren, Distrikt-, Regional- und Universitätskliniken, diese würden jedoch oft an massivem Material- und Personalmangel leiden, sodass insbesondere aufwendige Behandlungen dort nur sehr bedingt durchgeführt werden könnten.

 

Eine Bauchoperation habe damals im Lubaga-Krankenhaus etwa 80 Euro gekostet, wobei jegliches Material und die Zeit auf Station dazu gerechnet werden müssten. Der 8-wöchige Aufenthalt eines 12-jährigen Kindes mit einem schweren, verschleppten Darmverschluss habe damals insgesamt ca. 1.100 Euro gekostet. Wenn man dabei bedenke, dass das Gehalt einer Krankenschwester im Lubaga zwischen 150 und 250€ monatlich liege, werde deutlich, dass eine ernste Erkrankung eines Familienmitgliedes schnell den wirtschaftlichen Ruin und damit bittere Armut bedeuten könne.

 

Für besonders schwere Fälle habe das katholische Krankenhaus allerdings einen Nothilfe-Fond. Um diesen in Anspruch nehmen zu können, würden eine Sozialarbeiterin und eine Ordensschwester die wirtschaftliche Situation der Familie des Patienten bewerten und entscheiden, ob und in welchem Umfang die Klinikrechnung gesenkt werden könne.

 

In einem Krankenzimmer seien normalerweise bis zu 10 Patienten untergebracht. Die grundpflegerische Versorgung erfolge im Wesentlichen durch die Angehörigen und da diese oft von weit her kämen, würden auch sie in den Krankenzimmern übernachten, meistens auf dem Fußboden. Somit befänden sich schnell 20-30 Leute in einem Zimmer.

 

Präsident Museveni habe seit 1986 eine stabile Diktatur errichtet, erklärte Florian Hugenberg. Die wichtigsten Stellen im Land seien mit Günstlingen besetzt. „Den meisten Menschen, die wir gesprochen haben, war es eigentlich egal, wer regiert, Hauptsache Frieden“, so Florian Hugenberg. Insbesondere im vom Bürgerkrieg schwer betroffenen Norden des Landes habe man gespürt, dass sehr viele Menschen zufrieden mit der Entwicklung ihrer Region seien. Bedroht sei, wer dagegen politisch aktiv werde.

 

„Museveni hat alle Grundsätze seines einstigen Freiheitskampfes über Bord geworfen“, bekräftigte Reinhard Stolle vom Osnabrücker Aktionszentrum Dritte Welt. Er sei gefürchtet, aber weiterhin populär, weil er mit Sozialleistungen, Schulsystem und Frieden im Land viel für die Bevölkerung getan habe. Allerdings werde vor allem bei jungen Leuten der Ruf nach mehr Freiheit und freier Presse größer und es sei noch nicht abzusehen, wohin der Weg von Uganda führe.

 

„Wir haben gute Freunde gewonnen, zu denen wir bis heute Kontakt pflegen“, bilanzierten Florian und Marion Hugenberg. „Natürlich haben wir auch viel vor Ort gelernt, medizinisch wie menschlich“ betonten beide. Wenn man vergeblich um das Leben eines Kleinkindes kämpfe oder einem das 12. Kind einer Familie zur Adoption angeboten werde, dann gewinne man andere Lebenseinstellungen. Krankenhäuser seien nicht primär Wirtschaftsunternehmen, sondern Orte der Hilfe und des Zusammenhaltes, woran man auch in Deutschland erinnere.




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